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Heute stand wieder einmal ein gemütlicher Stadtbummel in Salzburg auf dem Programm. Getragen von der Besuchermenge schlenderten wir durch die Altstadt, vorbei an diversen Sehenswürdigkeiten und blieben vor unzähligen Schaufenstern mit ihren wunderschön zur Schau gestellten Waren stehen. Unsere Augen erhaschten so einiges und wir waren der festen Überzeugung, es sei ein Einkaufsspaziergang wie gewöhnlich!
Aber als an einer Stelle unser Blick plötzlich tiefer schlitterte und etwas kleines, glänzendes am Boden entdeckte, nahm der Tag einen ganz anderen Lauf.

Es war das kleine Bärengässchen in Mülln, welches uns eine neue Geschichte über die Stadt und ihre Bewohner erzählen wollte. Unzählige Male haben wir diese Strecke schon passiert, aber noch nie ist uns dieser kleine Pflasterstein aufgefallen. Heute, an jenem Tag, brachte ein Sonnenschein das Monument zum Glitzern und erregte unsere Aufmerksamkeit.
Wir nähern uns dem glänzenden Ding und können schön langsam erkennen, dass es sich hierbei um eine Messingtafel handelt, die im Boden einbaut wurde. Als die Sonne ihren Glanz minderte, konnten wir folgendes darauf lesen: „Ida Petermann, geboren 1939, am 14. Jänner 1944 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.“

Ein eiskalter Schauer lief uns über den Rücken als uns bewusst wurde, dass es sich hierbei um Gedenktafeln handelte. Noch nie zuvor war uns diese Tafel aufgefallen und wir durchwühlten unser Gedächtnis, ob man davon schon mal etwas gelesen oder gehört hatte.
Es müssen einige Minuten gewesen sein, die wir völlig in uns gekehrt und nachdenklich vor diesem „Stein“ gestanden sind, als plötzlich die Tür des Hauses vor uns geöffnet wurde und ein Herr herauskam. Er sah uns ein wenig verwundert an und senkte ebenfalls seinen Blick zu Boden. Als er seinen Kopf wieder hob, fragte er uns, ob wir nicht wüssten um was es sich hierbei handelte? „Nein“, sagten wir im Duett und so begann er uns zu erzählen.

Steine, die Geschicht erzählen – Stolpersteine Salzburg
Copyright: knaro.at

Stolpersteine der Stadt Salzburg
Copyright: knaro.at

Diese quadratischen Steine aus Messing sollen an die Vertreibung und Vernichtung von Juden, von Roma und Sinti, von politisch Verfolgten, von Homosexuellen, von Zeugen Jehovas und von Euthanasieopfern im Nationalsozialismus erinnern und wurden vor den letzten Wohnhäusern und Wohnungen der Genannten in den Asphalt von Gehsteigen oder Plätzen eingelassen. Furchtbare Einzelschicksale, die sich inmitten der Gesellschaft abgespielt haben – damals, vor noch gar nicht langer Zeit. Er erklärte uns, dass dies sogenannte Stolpersteine sind und einfach ein Symbol gegen das Vergessen sein sollen.
Voll Mitleid und Stille lauschten wir seinen Erzählungen und wurden in die schreckliche Vergangenheit zurückversetzt.

Ins Leben gerufen wurde diese Offensive gegen das Vergessen 1992 in Köln, von dem deutschen Künstler Gunter Demnig. 1997 begann das Stolperstein-Projekt größere Kreise zu ziehen, als die ersten zwei Steine mit amtlicher Genehmigung verlegt wurden – und zwar in Sankt Georgen bei Salzburg. Zehn Jahre später folgten die ersten Stolpersteine an sieben Stellen in der Stadt Salzburg. Heute sind es 356 quadratische Steine, die an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern – und jedes Jahr werden vom Personenkomitee „Stolpersteine Salzburg“ weitere Steine verlegt. Über die Grenzen Österreichs hinaus gibt es rund 56.000 Stolpersteine – in 20 Ländern. Das Projekt Stolpersteine ist damit zum größten dezentralen Mahnmal der Welt angewachsen. Und Salzburg machte vor genau 20 Jahren den Anfang.

Mit großer Dankbarkeit verabschiedeten wir uns von dem Mann und gingen ein paar Schritte weiter, als wir vor Nachdenklichkeit wieder stehen blieben. Trauer und Hass überkam uns. Warum haben wir von diesen Pflastersteinen noch nie etwas gehört?
Kurzer Hand beschlossen wir unsere Shopping-Tour zu beenden und uns auf die Suche nach weiteren Stolpersteinen zu machen. Der Weg führte uns vom Bärengässchen, hinüber in die Neustadt, in die Franz-Josef-Straße, wo wir unter anderem die Schicksalsdaten von Emilie Fischer in Messing graviert fanden. Am Max-Ott-Platz fielen uns noch drei Steine auf. Einer davon trägt den Namen von Andreas Rehrl, Jahrgang 1899. Er starb beim Bombenentschärfen, einer Zwangsarbeit, am 17. November 1944.

Projekt „Stolpersteine“ in Salzburg
Copyright: knaro.at

Erinnerungen an die Vergangenheit – Stolpersteine Salzburg
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Wir schlenderten weiter und fragten uns, ob wir an einer Parkbank Halt machen sollten, um das Erlebte ein wenig zu verarbeiten. Am Ufer der Salzach fanden wir ein schönes Plätzchen und setzten uns.
Unser Gespräch drehte sich einzig und alleine nur um diese Steine, über die Schicksale, über die Geschichte. Das Projekt Stolpersteine und die Menschen, die sich dafür einsetzen haben es geschafft, dass man wieder darüber redet und es uns wieder in das Bewusstsein kommt.
„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“ heißt es im Talmud, einem der bedeutendsten Schriftwerke des Judentums.
Mit diesem positiven Gedanken beendeten wir unsere „Reise“ und kehrten wieder in die Gegenwart zurück.
Aber eines haben wir gelernt. Bei unseren nächsten Spaziergängen werden wir ab jetzt immer wieder auf den Asphalt blicken, die Namen lesen. Uns erinnern. Gegen das Vergessen.

Wenn Sie mehr über das Projekt Stolpersteine erfahren möchten, finden Sie alle Infos unter www.stolpersteine-salzburg.at